Die Balkanspur Theodor Herzls

Es gibt Städte, die nicht darauf aus sind, den Reisenden gleich in der ersten Minute zu überwältigen. Man muss sie zu Fuß durchqueren, ihren Atem spüren, dem Rauschen der alten Gassen lauschen, am Ufer des Flusses verweilen, in uralte Festungen hineinschauen. Genau eine solche Stadt ist Belgrad für mich geworden.

Ich schreibe diese Zeilen in Serbien. Und gerade hier habe ich eine Nachricht gelesen, die mich dieses Land in ganz neuem Licht sehen ließ. Israel hat gemeinsam mit der serbischen Regierung und der jüdischen Gemeinde des Landes beschlossen, die sterblichen Überreste von Simon und Rivka Herzl – den Großeltern Theodor Herzls – von Belgrad nach Jerusalem zu überführen. Schon bald werden sie neben ihrem großen Enkel auf dem Herzlberg ruhen. Die staatliche Zeremonie wird am 77. Jahrestag der Umbettung Theodor Herzls selbst nach Israel stattfinden, unter Beteiligung von Präsident Jitzchak Herzog und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Diese Nachricht ist bedeutsamer, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Die meisten Menschen kennen Theodor Herzl als Begründer des politischen Zionismus. Doch nur wenige wissen, dass die Wurzeln seines Weltbildes in vielerlei Hinsicht gerade mit Serbien verbunden sind. Herzls Großvater, Simon Herzl, war einer der führenden Köpfe der jüdischen Gemeinde von Semlin – einer alten Stadt, die heute zu Belgrad gehört. Er war ein enger Schüler des herausragenden Rabbiners Jehuda Alkalai – eines der ersten Denker, die lange vor Herzl von der Rückkehr des jüdischen Volkes in seine historische Heimat und von der Gründung eines eigenen Staates sprachen. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts rief Alkalai zu dem auf, was Jahrzehnte später zur Idee des Zionismus werden sollte. Später erzählte Simon Herzl seinem Enkel von diesen Ansichten, und viele Historiker sind der Ansicht, dass gerade diese Gespräche zu einem der ersten Funken wurden, aus denen später die große Bewegung für die Wiederbelebung jüdischer Staatlichkeit entflammte. Wenn man davon liest, während man durch die Straßen Belgrads geht, hört Geschichte plötzlich auf, bloße Lehrbuchseiten zu sein.

In wenigen Tagen habe ich Belgrad wohl kreuz und quer durchwandert. Ich stand auf der Festung Kalemegdan, wo sich seit zweitausend Jahren Save und Donau begegnen. Von hier eröffnet sich eine der schönsten Aussichten Europas. Es scheint, als flösse die Geschichte selbst mit den beiden großen Strömen dahin. Belgrad ist eine erstaunliche Stadt. Im Laufe seiner Geschichte wurde es mehr als vierzig Mal zerstört und ebenso oft wieder aufgebaut. Vielleicht ist es gerade deshalb den Israelis so nah. Auch unser Volk kennt den Preis von Zerstörung, Erinnerung und Wiedergeburt.

Neben den alten Festungsmauern entsteht ein anderes Belgrad – ein modernes, in die Zukunft gerichtetes. Zum Symbol dieser neuen Stadt wurde das großartige Viertel Belgrade Waterfront, das am Ufer der Save emporgewachsen ist. Hier spiegeln sich gläserne Wolkenkratzer im Fluss, und zwischen ihnen erblickt man mit besonderer Freude einen jedem Israeli vertrauten Namen – Africa Israel. Er erinnert gleichsam daran, wie eng heute die Schicksale Israels und Serbiens miteinander verwoben sind.

Doch am stärksten hat mich ein anderer Ort beeindruckt. Die kleine nordserbische Stadt Subotica. Hier befindet sich eines der architektonischen Juwelen Europas – eine prächtige Synagoge, erbaut 1902 im Stil des ungarischen Jugendstils. Sie gilt als die zweitgrößte noch in Betrieb stehende historische Synagoge Europas nach der Großen Synagoge von Budapest. Nach jahrelanger Restaurierung erstrahlt sie erneut in ihrer ganzen Schönheit.

Wenn man eintritt, hebt man unwillkürlich den Kopf zur gewaltigen Kuppel, betrachtet die erstaunlichen Glasfenster, das geschnitzte Dekor, die leuchtenden Farben … Und plötzlich wird einem bewusst, dass rundherum – fast niemand ist. Der riesige Saal, einst für anderthalbtausend Menschen bemessen, bewahrt heute nur Stille. Einst pulsierte hier das Leben einer großen jüdischen Gemeinde, nun ist das prächtige Gebäude vor allem zu einem Denkmal der Erinnerung geworden. Es erinnert nicht nur an die Blütezeit jüdischen Lebens in der Vojvodina, sondern auch an die furchtbare Tragödie des Holocaust, der beinahe die gesamte örtliche Gemeinde ausgelöscht hat. Vielleicht wird die Nachricht über die Familie Herzl gerade deshalb hier besonders eindringlich empfunden.

Die Geschichte scheint sich zu einem Kreis zu schließen. Einst erklangen in einer kleinen Balkanstadt Gedanken über die Rückkehr der Juden nach Zion. Dann inspirierten sie einen Jungen namens Theodor Herzl. Später erschien das Buch „Der Judenstaat“, dann folgte der Erste Zionistische Kongress, und ein halbes Jahrhundert danach – der Staat Israel. Und nun, fast anderthalb Jahrhunderte nach jenen ersten Gesprächen zwischen Großvater und Enkel, kehren Simon und Rivka Herzl nach Jerusalem zurück. Das ist mehr als eine Umbettung. Es ist ein Symbol des Dankes an jene Generationen, die die Ideen aussäten, die die Geschichte verändert haben.

Heute erleben die Beziehungen zwischen Serbien und Israel eine neue Etappe. Ein strategischer Dialog zwischen den beiden Ländern wurde ins Leben gerufen, die wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit wächst, und Serbien bleibt eines der wenigen europäischen Länder, in denen das jüdische Erbe nicht nur bewahrt wird, sondern auch staatliche Unterstützung erfährt. Es zeigt sich, dass zwischen Belgrad und Jerusalem weit weniger Kilometer liegen, als es auf der Karte scheint. Manchmal verbindet sie ein einzelnes Menschenschicksal. Manchmal – eine Familiengeschichte. Und manchmal – die Erinnerung, die, gleich den beiden großen Strömen, durch die Zeit weiterfließt und Vergangenheit und Zukunft des jüdischen Volkes miteinander verbindet.

Leonid Elizarov

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