Der Mensch stirbt dann, wenn
die letzte Erinnerung an ihn stirbt.
In den 1980er Jahren entstand in Rechowot, wo ich mich mit meiner Familie niedergelassen hatte, der sogenannte „Russische Klub". Diese einzigartige Idee, die die hohen kulturellen Ansprüche der „Russen" jener Zeit kennzeichnet, kam einigen Ehefrauen von Neueinwanderern, die am Weizmann-Institut an ihren Doktorarbeiten schrieben. Unter ihnen war auch meine Frau Nina, die ihre Dissertation in Physik vorbereitete.
Zunächst bildete sich ein kleiner Freundeskreis, dem an gehaltvoller Freizeitgestaltung und sinnvollen Beschäftigungen gelegen war; zu diesem Zweck traf man sich in der freien Zeit in unseren damals kleinen Wohnungen, tauschte sich aus und teilte Informationen. Nach und nach kamen wir zu dem Schluss, dass wir in einen größeren Rahmen hinausgehen müssten. Wir mieteten in Rechowot eine große, leerstehende Villa mitten im Stadtzentrum. In einem Zimmer richteten wir einen Billardtisch ein, in einem anderen einen Tischtennistisch, und wir bauten eine Sauna. Für die Küche schafften wir einen großen Kühlschrank an, in dem stets leichte Snacks, Konserven, allerlei Zutaten für Sandwiches sowie verschiedene alkoholfreie Getränke bereitstanden.
Die Klubmitglieder konnten kommen, wann immer sie wollten – um Tennis, Billard, Schach oder Dame zu spielen, sich aus dem Kühlschrank etwas zu holen und den Preis laut aushängender Preisliste gleich an Ort und Stelle in eine dafür vorgesehene Kasse zu legen. Für unsere Kinder wurden verschiedene Arbeitsgemeinschaften eingerichtet: Russisch, Hebräisch, Zeichnen und andere. Ich selbst leitete den Schach- und Damekurs.
Unter den Mitgliedern unserer „Kooperative" befanden sich schillernde Persönlichkeiten, die sich auf den unterschiedlichsten Gebieten hervorgetan hatten. Zum Beispiel der begabte Professor für Chemie an der Universität Jerusalem, Alex Goldman, ehemaliger Kapitän der KWN-Mannschaft von Kischinjow. In unserer Gruppe war der „Motor" Sonja – die Tochter des in früheren Jahren als Verweigerer (Otkasnik) bekannten Professors Alexander Jakowlewitsch Lerner – und ihr Mann Boris Lewin, dem seit Kindheitstagen der Name Bob geblieben war, und den nun nicht nur die Freunde, sondern auch die Kinder und Enkel so nannten.
Sonja fiel schon in frühen Jahren durch außergewöhnliche Fähigkeiten auf. Trotz ihres jüdischen Nachnamens beendete sie mit 15 bereits das erste Semester an der Mathematischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität und war die einzige Jüdin, die im Land des staatlichen Antisemitismus auf das Titelblatt der Zeitschrift „Sowjetunion" kam. Bob wiederum beeindruckte uns durch feinen Humor, Offenheit im Umgang und unkonventionelles Denken. Selbst die banalsten Dinge vermochte er auf originelle Weise zu deuten.
Unser Klub veranstaltete Begegnungen mit interessanten Menschen. Einmal fuhren wir nach Netanja zu zwei „russischen" Künstlern, die Besitzer einer kleinen Keramikmanufaktur waren. Es handelte sich um ein Ehepaar – sie hatten bei sich zu Hause eine Ausstellung vorbereitet. Alex und seine Frau fuhren nicht selbst über weite Strecken mit dem Auto, und so boten wir uns an, sie hinzubringen. Nach der Ausstellung begannen alle aufzubrechen. Galja Karmeli – die Künstlerin und Organisatorin der Ausstellung – trat auf mich zu und sagte:
– Machen Sie sich keine Sorgen um die Familie Goldman. Wir bringen sie selbst nach Hause. Sie bleiben zum Abendessen im engen Kreis.
Einige Zeit später fand in unserem Klub wieder eine gesellige Abendveranstaltung statt. Jemand hatte auch die Künstler-Eheleute eingeladen. Die Seele der Gesellschaft war wie immer Alex Goldman. Er trug seine neuen Tschastuschki vor, eine davon war mir gewidmet: „Wo findet ihr solch einen Mankal, der am Grill so geschickt ist am Mangal."
Die Künstlerin wunderte sich, dass unter uns irgendein Mankal (Generaldirektor) sein sollte, und begann sich zu erkundigen, von wem denn die Rede sei. Man deutete auf mich – da ist er, Semjon Borochow. Borochow? Die Künstlerin, ein wenig beunruhigt, wollte wissen, woher ich gekommen sei. Als sie erfuhr, dass aus Usbekistan, trat sie entschlossen auf mich zu.
– Entschuldigen Sie, aber wo haben Sie in Usbekistan gelebt?
– In Samarkand – antwortete ich.
– Und wie hieß Ihr Vater?
– Awraam.
– Und die Mutter – Chana? – fragte die Künstlerin bewegt.
Als sie die bejahende Antwort hörte, zuckte sie zusammen und umarmte mich unerwartet.
– Während des Krieges waren wir in der Evakuierung in Samarkand. Meine Eltern und noch eine Familie aus Odessa haben fast ein Jahr lang in Ihrem Haus gewohnt – sagte sie unter Tränen.
– Ich weiß – antwortete ich –, meine Eltern haben erzählt, dass in den Kriegsjahren bei ihnen zwei Familien aus Odessa lebten – die Machlins und die Karmeljuks. Aber Sie heißen doch Karmeli?
– Ja – nickte sie –, die Karmeljuks, das sind wir. Damals war ich ein kleines Mädchen, aber ich erinnere mich sehr gut an Ihre Eltern. Hier in Israel sind wir zu Karmeli geworden.
– Mein Brüderchen – wandte sie sich abermals unter Tränen an mich –, deine Eltern haben unsere Familie gerettet, indem sie uns bei sich aufnahmen. Und ich…, und ich habe dich aus meinem Haus verjagt!
Ich war tief bewegt, ein Gefühl des Stolzes auf meine Eltern erfüllte mich ganz. Es waren ja 42 Jahre vergangen, und der Bumerang der Erinnerung war aus dem Jahr 1941 (damals war ich gerade erst geboren) ins Jahr 1983 zurückgekehrt.



