Es gibt Schicksale, die man sich nicht ausdenken kann. Jeder Schriftsteller, der eine solche Handlung erfinden würde, müsste damit rechnen, den Vorwurf zu hören: So etwas gibt es nicht. Doch die Geschichte von Sholomokhay Zavurov ist genau so. Sie erscheint gerade deshalb unglaublich, weil sie wahr ist.

Auf der elften wissenschaftlichen Konferenz der bucharischen Juden, die am 24. und 25. Mai 2026 in New York stattfand, kam in einer Pause ein Mann auf mich zu und reichte mir ein kleines Buch. Nach meiner Rückkehr nach Wien las ich es mit großem Interesse. Es war ein schmales Buch von etwa 130 Seiten. Doch schon nach den ersten Kapiteln verspürte ich vor allem den Wunsch, dem Autor für die enorme Arbeit zu danken, mit der er das Schicksal eines Menschen rekonstruiert hatte, über den bis vor Kurzem fast nichts bekannt war.

Es gibt Bücher, die man wegen ihrer Handlung liest. Es gibt Bücher, die unser historisches Wissen erweitern. Und es gibt Bücher, die Menschen ihre eigene Biografie zurückgeben und sie dem Vergessen entreißen. Zu dieser letzten Kategorie gehört David Gays dokumentarische Erzählung „Sholomokhay – Sharif – Sashka“.

Vor dem Leser entfaltet sich das erstaunliche Schicksal des bucharischen Juden Sholomokhay Zavurov, eines Mannes, dem der Krieg mehr als einmal nur eine verschwindend geringe Chance zum Überleben ließ.

1939 wurde er zum Wehrdienst in die Rote Armee eingezogen. Nachdem er seine reguläre Dienstzeit abgeleistet hatte, war der Lehrer bereits auf dem Weg nach Hause. Es war Sommer 1941. Der Zug hatte seine Heimatstadt Shahrisabz beinahe erreicht, als der Militärtransport plötzlich umgeleitet wurde. Der Große Vaterländische Krieg hatte begonnen.

Sholomokhay kam zu einem Fernmeldebataillon, wurde zum Fernmeldesoldaten ausgebildet und zum Unteroffizier befördert. Bald geriet seine Einheit in eine Einkesselung und anschließend in deutsche Kriegsgefangenschaft. Ihm war vollkommen klar: Sich als Jude zu erkennen zu geben, bedeutete den sicheren Tod. Da fasste er einen verzweifelten Entschluss. Er wurde zum Tadschiken Sharif Zairov und nahm den Namen eines Kameraden an, den er nie wiedersehen sollte. Dieser Schritt rettete ihm das Leben, verwandelte aber zugleich sein weiteres Schicksal in eine ununterbrochene Prüfung.

Kriegsgefangenschaft, Konzentrationslager, Flucht, Teilnahme am italienischen, albanischen und jugoslawischen Partisanenkampf, drei schwere Verwundungen, der Sieg fern der Heimat, die Rückkehr in die Sowjetunion und endlose Überprüfungen durch SMERSch und die Staatssicherheitsorgane: Schon eine solche Biografie würde für einen Abenteuerroman ausreichen.

Doch David Gay hat etwas weit Wichtigeres getan. Er hat einen Menschen aus dem Vergessen zurückgeholt, den die Geschichte beinahe verloren hätte. Ein bescheidener Frontsoldat, Fernmelder, Kriegsgefangener, Partisan in drei Ländern, ein Mann, der den Holocaust nur überlebte, weil er sich im entscheidenden Augenblick einen fremden Namen gab, lebte ein langes Leben und erzählte fast niemandem von dem, was er durchgemacht hatte. Menschen wie er sprachen nicht gern über sich selbst. Sie waren überzeugt, lediglich ihre Pflicht erfüllt zu haben. Deshalb verzichtet der Autor bewusst auf literarische Effekthascherei. Er vertraut Dokumenten, Fakten und dem menschlichen Gedächtnis. Gerade deshalb hinterlässt das Buch einen so starken Eindruck.

Dem Autor ist weit mehr gelungen, als nur die Biografie eines Kriegsveteranen zu schreiben. Er führt den Leser in die Atmosphäre des Krieges zurück und erweitert seine Erzählung durch historische Exkurse. Wir erfahren von der Arbeit der Fernmeldesoldaten an der Front, vom Aufbau der Feldtelefonverbindungen, von deutschen Aufklärungsflugzeugen, vom Alltag der Soldaten und davon, um welchen Preis die Führung und Koordination der Truppen gewährleistet wurde. Diese historischen Einschübe helfen, die Welt, in der der Protagonist lebte und kämpfte, besser zu verstehen.

Manchmal werden diese Erläuterungen so ausführlich, dass der Leser möglichst schnell zum Schicksal Sholomokhays zurückkehren möchte. Doch dies ist eher eine Besonderheit der Erzählweise des Autors als ein Mangel des Buches. David Gay scheint nicht nur den Menschen im Krieg zeigen zu wollen, sondern auch den Krieg selbst, in seiner ganzen Komplexität, Grausamkeit und Alltäglichkeit.

Besonders wertvoll sind jene Seiten, auf denen sich der Charakter des Helden offenbart. Er erscheint keineswegs als ein Mensch, der Heldentaten um des Ruhmes willen vollbringt. Im Gegenteil: Ihn zeichnen außergewöhnliche Anständigkeit, innere Würde und ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn aus.

Eine der eindrucksvollsten Episoden handelt davon, wie Sholomokhays Zugführer sich weigerte, die Auszeichnung für ein abgeschossenes deutsches Flugzeug allein anzunehmen. Er bestand darauf, dass unter allen Soldaten, die auf das Flugzeug geschossen hatten, das Los über die Auszeichnung entscheiden sollte. Diese kleine Episode sagt über einen Menschen mehr aus als jede noch so ausführliche Charakterisierung durch den Autor.

Nicht weniger beeindruckend ist das Nachkriegsschicksal des Helden. Nachdem er Gefangenschaft und Partisanenkampf überstanden hatte, lebte er noch viele Jahre mit der Befürchtung, dass seine Vergangenheit erneut zum Anlass für Anschuldigungen werden könnte. Wie Tausende sowjetische Kriegsgefangene fühlte er sich selbst nach dem Sieg nicht wirklich frei. Vielleicht erzählte er gerade deshalb fast nie von seinen Erlebnissen, nicht einmal seinen eigenen Kindern.

Eine große Stärke des Buches ist seine dokumentarische Grundlage. David Gay hat umfangreiche Forschungsarbeit geleistet, Archivmaterialien ausgewertet, sich mit Amnon (Alik), dem Sohn des Helden, getroffen und Zeugnisse der Familie gesammelt. Von besonderem Wert sind die zahlreichen Fotografien Sholomokhays, seiner Eltern, seiner Frau, seiner Kinder und anderer Angehöriger. Durch sie erkennt der Leser hinter den historischen Ereignissen einen lebendigen Menschen und seine Familie.

Der Autor schreibt, Sholomokhay sei möglicherweise einer der wenigen bucharischen Juden mit einer derart außergewöhnlichen Kriegsbiografie gewesen. Wahrscheinlich gab es jedoch noch andere, die Gefangenschaft, Lager und den europäischen Widerstand durchlebt hatten. Viele dieser Schicksale sind bis heute nicht entdeckt und nicht erzählt worden. Gerade deshalb ist David Gays Buch nicht nur ein Denkmal für einen einzelnen Menschen, sondern auch ein Aufruf, weiter nach vergessenen Namen zu suchen.

Sholomokhay Zavurov wurde kein Held der Sowjetunion. Er schrieb keine Memoiren. Er suchte keinen Ruhm. Nach dem Krieg arbeitete er gewissenhaft, zog seine Kinder groß und führte das bescheidene Leben eines sowjetischen Bürgers. Doch dank David Gays Buch hat er endlich seinen verdienten Platz in der Geschichte erhalten.

Dieses kleine Buch liest sich in einem Atemzug. Hinter seinen 130 Seiten stehen die enorme Arbeit des Autors, tiefer Respekt vor historischen Dokumenten und aufrichtige Dankbarkeit gegenüber einer Generation, die einige der schwersten Prüfungen des 20. Jahrhunderts auf ihren Schultern getragen hat.

Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch seine Leser findet. Es verdient die Aufmerksamkeit nicht nur der bucharischen Juden und ihrer Nachkommen, sondern aller Menschen, denen historische Wahrheit, menschliche Würde und die Erinnerung an jene wichtig sind, die ohne große Worte Tag für Tag ihre Heldentaten vollbrachten.

Wenn man die letzte Seite schließt, begreift man, dass man nicht nur die Geschichte eines einzelnen Menschen gelesen hat. Es ist die Geschichte einer ganzen Generation, die den Krieg besiegte, aber bei Weitem nicht immer die Angst überwinden konnte. Von Menschen, die die Welt retteten und sich dennoch viele Jahre lang vor ihrer eigenen Biografie fürchteten.

Besonders erwähnen möchte ich David und Arkady Kalantarov aus Israel, die sich seit vielen Jahren mit dem Thema „Bucharische Juden im Zweiten Weltkrieg“ beschäftigen. Sie haben umfangreiche Forschungen durchgeführt und eine ganze Reihe von Büchern zu diesem Thema veröffentlicht. Doch wie bereits gesagt, gibt es noch viele bescheidene Namen von Lebenden und Verstorbenen, die darauf warten, entdeckt und der Erinnerung zurückgegeben zu werden.

Und nun vielleicht zum größten Verdienst David Gays. Es besteht darin, dass er einem dieser Menschen seinen wirklichen Namen zurückgegeben hat. Nicht Sharif. Nicht Sashka. Sondern Sholomokhay Zavurov, ein Mensch, der es verdient, in Erinnerung zu bleiben.

Solange wir die Namen solcher Menschen bewahren, bleibt die Geschichte lebendig. Gerade deshalb handelt dieses Buch nicht nur von der Vergangenheit. Es handelt von unserem Gedächtnis, ohne das es keine Zukunft geben kann.

Sholomokhay Zavurov (1915–1986) ist auf dem jüdischen Friedhof in Duschanbe beigesetzt.