„Sende dein Brot über das Wasser,
denn nach vielen, vielen Tagen wirst du es wiederfinden."

König Salomo (Kohelet)

Erzählung des Vaters:

Es war Anfang der zwanziger Jahre. Mein jüngerer Bruder Nerija und ich sattelten die Pferde, beluden sie mit Churdschuns voller Tee und machten uns über die Gebirgspässe auf den Weg, um Handel zu treiben. Von Samarkand aus, damals noch, in das tadschikische Kischlak Duschanbe.

Es waren unruhige Zeiten, Banden von Basmatschen trieben ihr Unwesen auf den Straßen. Doch die Jugend verleitet mitunter zu unbedachten Handlungen. Uns schien, die Gefahren des Weges würden an uns vorüberziehen, denn der Gott unserer Väter war ja mit uns, und er ist allmächtig.

Die Nacht war mondhell. Der sternenübersäte Himmel war von besonderer Klarheit, und nur der knirschende Schnee unter den Hufen der Pferde durchbrach die ungewöhnliche Stille der majestätischen Berge. Mein Bruder und ich ritten schweigend, und da erschien unten im Tal ein kleines Dorf. Aus selbstgemachten Rohren, die achtlos in die winzigen Fensteröffnungen der Lehmhäuschen gesteckt waren, stieg Rauch auf, und schon war das ferne Bellen der Hofhunde zu hören. Plötzlich tauchten vor uns zwei bärtige Reiter auf, mit Turbanen auf dem Kopf und in warmen gestreiften Chalaten. Im Mondlicht war deutlich zu sehen, dass beide Maschinengewehrgurte mit Patronen über die Schultern geworfen trugen. Sie richteten ihre Gewehre auf uns und befahlen uns, dorthin zu gehen, wohin sie uns weisen würden.

Bald darauf standen wir vor einer Karawanserei, die an der Straße beim Dorf lag. Um diese mittelalterliche Herberge herum standen viele Pferde, und nicht weniger Menschen wimmelten neben ihnen. Nicht weit vom Eingang, auf selbstgemachten steinernen Untergestellen – den Oschtan –, quoll aus zwei großen Kesseln Dampf hervor. Offensichtlich bereiteten die Köche, die am Feuer standen und die Schöße ihrer Chalate hinter den Gürtel gesteckt hatten, Plow zu. Man führte uns hinein, dort schienen noch mehr Menschen zu sein als draußen, und man konnte noch zwei angrenzende Räume erkennen, die bis zum Bersten mit Basmatschen gefüllt waren. Die niedrige, schiefe Decke, die stickige Luft und der Rauch von Tschilim und Anascha stimmten wahrlich nicht optimistischer.

Für einen Augenblick bekam ich Angst um meinen Bruder, denn er ging ja erst in sein fünfzehntes Jahr. Mit unserem Erscheinen inmitten dieser Versammlung trat Stille ein. Ein Mann trat auf uns zu, mit spärlichem Bärtchen, das einem alten Rettich glich, und einem von Pocken zerfurchten Gesicht. Seine schmalen, hinterhältigen Äuglein „huschten" von mir zu meinem Bruder und wieder zurück. Immer wieder blickte er sich nach der auf dem Boden hingelagerten Bande um, und das mehrmals. Endlich bohrte er seinen stechenden Blick in mich und fragte auf Usbekisch: „Wer seid ihr? Woher und wohin reitet ihr?" Ich wollte ihm antworten, doch Nerija sagte plötzlich: „Mir ist heiß, darf ich meine Kopfbedeckung abnehmen?" Und kaum hatte er die Mütze abgesetzt, erhob sich ein fürchterlicher Lärm. Anfangs verstand ich nicht, was los war. Jemand kam gerannt und riss auch mir grob die Mütze vom Kopf. Zwischen den Rufen aus der vielstimmigen Menge war besonders zu hören: „Schugutlardi tuttik" – wir haben Juden gefangen. Verraten hatten uns die kleinen Peies an den Schläfen und die dunkelblauen Tübeteikas aus feiner Stickerei, die zu jener Zeit nur die bucharischen Juden trugen. Augenblicklich sprang die Menge auf die Beine, und in diesem furchtbaren Gebrüll waren die Worte zu hören: „Tod den Juden!"

Der Pockennarbige und einige seiner Helfershelfer stürzten um uns herum, bemüht, die Menge zurückzuhalten. Die blutunterlaufenen Augen, die vom Hass verzerrten Fratzen und der Atem, der den widerlichen Gestank von Anascha ausströmte, blieben mir wie ein schrecklicher Traum für immer im Gedächtnis. Plötzlich krachten mehrere Schüsse, und die Menge erstarrte in Fassungslosigkeit. Der Pockennarbige hielt eine Pistole in der Hand. Er brüllte aus voller Kehle: „Jusbaschi zu mir!" (Hauptmann). Aus den hinteren Reihen zwängte sich, die Nagaika fest in der Faust, ein hochgewachsener Bursche mit pechschwarzem Bart und der Statur eines Recken hervor. Sie traten beiseite und berieten sich über etwas. Den günstigen Augenblick nutzend, flüsterte Nerija: „Chananja, sie werden uns töten, aber zum Glück haben sie uns noch nicht entwaffnet, die Messer sind bei uns, so lass uns einige von ihnen mit ins Jenseits nehmen." Ich hielt ihn zurück: „Sei nicht voreilig, Gott ist barmherzig, die Gebete unseres Vaters werden uns in der Not nicht verlassen, wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren." Selbst aber überlegte ich – wahrscheinlich warten sie auf jemanden, sonst hätten sie längst mit uns abgerechnet. Und ich täuschte mich nicht. Nach einer kleinen Pause erhob sich plötzlich alles, was hingelagert und angelehnt gesessen hatte, wie unter einem Windstoß. Alle begannen ehrerbietig zu verneigen, das Gesicht zur Tür gewandt. Am Eingang wuselten soeben eingetretene Männer umher, offenbar Leibwächter. Hinter ihnen erschien ein kleiner, hagerer Mann in prächtigem Chalat, mit schneeweißem Bart und großen, traurigen Augen. Für eine Sekunde ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass dieser uralte Greis irgendwie anders war, nicht wie die übrigen. In seiner Erscheinung lag etwas Gütiges, doch der Ernst des Geschehens holte mich in die Wirklichkeit zurück.

Ich war sehr beunruhigt über die Lage und wog im Unterbewusstsein bereits den Vorschlag meines Bruders ab.

Man führte den Alten an den Ehrenplatz. Er setzte sich gemächlich auf eine Unterlage aus Atlas. Vor ihm wurde ein kostbares Tischtuch (Dastarchan) ausgebreitet. Die eine Hand an die Brust gelegt, mit der anderen dem Aksakal Tee reichend, sagte der Pockennarbige: „Wir haben Juden gefangen und auf Euch gewartet, um sie erst danach hinzurichten. Bis dahin wird auch der Plow fertig sein." Als der Alte die Nachricht hörte, fuhr er auf und fragte nach: „Juden?" „Ja, Juden", folgte verwundert die Antwort. „Wo? Wo sind sie?", fragte der Alte, sich hastig erhebend, aufgeregt. Man deutete auf uns. Vor den Augen der verdutzten Menge trat der ehrwürdige Aksakal heran und umarmte uns väterlich, dann fragte er zärtlich: „Wo wohnt ihr, meine Kinder?" „In Samarkand", antwortete ich ratlos. „Und wo genau?", forschte der Alte. „Beim Königsgarten" (Bogi Podschoi). Wieder zu mir gekommen, sagte ich das. Und sogleich beschloss ich, nichts mehr zu sagen, wozu sollten sie wissen, wo meine Angehörigen wohnten. Doch der scharfsichtige Alte schien meine Gedanken zu lesen und sagte: „Söhnchen, ich verstehe deine Sorge und möchte dir versichern, dass hier niemand euch ein Leid antun wird." Sein Blick war gütig und einnehmend, doch ich blieb sehr misstrauisch, ich wollte glauben, nur eine innere Stimme sagte: „Beeile dich nicht." Es schien, dass auch das der Alte spürte, er legte die Hand auf meine Schulter und fuhr sanft fort: „Und mir – gleich neben dem Königsgarten, auf dem Hügel, die zweite Pforte rechts in der Gasse. Über ihr blühte jedes Frühjahr ein Apfelbaum. In diesem Hof lebte ein edler Mann, Allah möge ihn bewahren, sein Name war Baruch, und ich wollte von euch erfahren, ob er noch lebt, ob er gesund ist?"

„Der Mann, dessen Namen Ihr genannt habt, das ist unser verstorbener Vater, und der Apfelbaum blüht tatsächlich in dieser Reihe nur über unserer Pforte." Als ich diese Worte mit Erregung aussprach, ging mein Geist angestrengt alle Freunde und Bekannten meines Vaters durch, denn er hatte mich von Kindesbeinen an mit sich genommen, und viele kannte ich vom Ansehen. Doch an diesen Mann konnte ich mich einfach nicht erinnern. Die Unruhe erfasste mich von neuem. „Wie, Baruch ist tot?", sagte der Alte betrübt. „Und die Kinder? Sie sind eure Bruder und Schwester. Den Jungen erinnere ich gut, ich glaube, sein Name war Zion. Und was ist übrigens mit eurer Mutter? Ich hoffe, sie lebt noch?", fuhr er teilnehmend fort.

„Der Vater starb vor einem Jahr, die Mutter ein Jahr früher. Sie riss der Typhus hinweg, sie war erst achtunddreißig Jahre alt.

Und die Frau, die Ihr meintet, das ist die erste Frau meines Vaters, sie starb während einer der Typhusepidemien, vor vielen Jahren. Der Vater erzählte oft von ihr, doch leider weiß ich nicht genau, wann sie begraben wurde. Malka, das ist unsere Schwester, sie ist die älteste, und Zion – unser Bruder, sie sind die Kinder des Vaters aus erster Ehe."

Das Verhalten des Aksakals überzeugte mich, dass es sich nicht mehr zu sorgen lohnte, das Schlimmste war vorüber. Die Gebete der Vorfahren hatten für uns Fürsprache eingelegt. Inzwischen strich der Alte sich den schönen Bart und sagte, zur Menge gewandt, die diese Szene verwundert beobachtete: „Hört, rechtgläubige Muslime, ich will euch erzählen, was eurem geistlichen Führer vor knapp dreißig Jahren widerfuhr. Diese noch jungen und verwaisten Dschigiten, die ihr zum Tode verurteilt habt, waren damals noch nicht auf der Welt.

Ich kam mit einer kleinen Herde Pferde in das ruhmreiche Samarkand.

Ich musste über zwanzig Renner verkaufen. Auf dem Markt, wo Vieh verkauft wird, boten mehrere Vermittler ihre Dienste an. Doch schon in Fergana hatte man mir einen Makler empfohlen, aus dem Kleinvolk, namens Babachan, so nannte man ihn unter den Muslimen. Auf dem Viehhof fand man ihn nicht, man sagte, er käme nur selten. Da schickte ich einen Boten. Bald darauf trat ein hochgewachsener Mann mit offenem und ernstem Gesicht in das Teehaus. Nachdem ich mit ihm gesprochen hatte, verstand ich, dass ich einen Mann vor mir hatte, der sein Handwerk verstand. Innerhalb weniger Tage half er mir, mehrere Pferde gut zu verkaufen. Eines Abends wurde mir schlecht, mir schwindelte heftig, ich fühlte, dass ich nicht stehen konnte. Man legte mich im Teehaus auf eine Pritsche und rief den Tabib. Der Heiler sagte: „Das ist Typhus", und ging schnell davon. Die Menschen, die mich umgeben hatten, verschwanden plötzlich, wahrscheinlich fürchteten sie mein Leiden. An jenem Abend betrat niemand mehr das Teehaus. Die Nacht schien mir endlos, ich lag völlig allein, mich schüttelte das Fieber. Erst im Morgengrauen kam ich zu mir und sah Babachan. Er zog seinen Chalat aus und deckte mich zu. Als er mir Wasser reichte, fragte er besorgt: „Warum habt Ihr nicht nach mir geschickt? Doch macht Euch keine Sorgen, wir werden aus dieser Not herausfinden." Vor meinen Augen verschwamm alles. Als ich zu mir kam, verstand ich, dass ich in Babachans Haus lag. Meine Freunde! Ich verweilte bei diesem edlen Menschen mehrere Monate. Seine Frau kannte sich mit Heilkräutern aus. Ich bin dieser Frau dankbar, dass sie sich um mich kümmerte wie um einen leiblichen Sohn. Mit dem kleinen Zion schlossen wir feste Freundschaft, der Junge wich nicht einen Schritt von meiner Seite. Babachan selbst wachte nachts an meinem Kopfende. Diese guten Menschen brachten mich wieder auf die Beine, retteten mir das Leben. Und ich bin ihnen doch kein Verwandter, nicht einmal Glaubensbruder. Später fragte ich diesen außergewöhnlichen Menschen, was ihn antrieb, woher solcher Edelmut komme? Worauf er antwortete: „Mein Name ist Baruch, ich bin ein gläubiger Mensch und weiß, dass alle Menschen, unabhängig von Rasse und Glauben, Kinder des Allerhöchsten sind. In unserem heiligen Buch steht geschrieben: Wer ein Menschenleben rettet, dem ist es gleich, als hätte er die ganze Welt gerettet."

Die Zeit kam, dass ich nach Hause zurückkehren musste. Nach dem Abschiedsmahl holte Babachan aus der Truhe ein kleines Bündel und wickelte es auseinander, darin waren viele Knoten mit Geld. Er begann sie aufzulösen und stellte die Goldmünzen säulenweise auf Stoffläppchen. Auf ihnen standen irgendwelche Aufschriften. Ich beobachtete es interessiert. Er stellte alles auf und wandte sich an mich: „In dieser Säule ist das Geld für den Rappen, der dem Händler verkauft wurde, in der zweiten Säule das Geld für das schwarze Ross, das jenem Kaufmann verkauft wurde." Und so lag das Geld für alle von ihm verkauften Pferde vor mir. Ich sagte, er habe mir das Leben gerettet und ich würde das Geld nicht nehmen. Ich sei ein wohlhabender Mensch und wolle ihm diese Goldmünzen zum Zeichen des Dankes überlassen. Doch er antwortete: „Dieses Geld gehört Euch und Eurer Familie, und wenn Ihr Euch wirklich bei mir bedanken wollt, dann gebt mir für die Arbeit jenen Prozentsatz, den wir vereinbart haben."

Der ehrwürdige Greis schien für eine Weile in sich zu versinken, nachdem er einige Sekunden geschwiegen hatte, sah er den Jusbaschi und den Pockennarbigen prüfend an und fuhr dann fort: „Rechtgläubige Muslime, an meiner Stelle könnte jeder von euch sein, euer Vater, vielleicht ein Bruder oder Sohn, der in die Fremde geraten ist. Und ich bin überzeugt, dass dieser Mensch mit jedem, der in Not gerät, so gehandelt hätte, wie er mit mir gehandelt hat. Ich hätte heute zu einer wichtigen Begegnung fortreisen sollen, doch offenbar hat mich die Hand der Vorsehung nicht ohne Grund zu euch geführt, und auch die Begegnung wurde nicht ohne Grund abgesagt. Ich will euch geradeheraus fragen: Darf man denn Gutes mit Bösem vergelten? Haben wir das Recht, diese unschuldigen jungen Menschen hinzurichten?"

Die Geschichte endete glücklich, sie kauften uns, ohne zu feilschen, die ganze Ware ab. Sie stellten uns zwei Begleiter zur Seite, die uns zurück nach Samarkand geleiteten, doch zuvor warnten sie uns, dass wir uns auf den Straßen nicht mehr zeigen sollten.